Unsere Botschafter : Schritt für Schritt

Mit Hannover hat Oliver Wenger noch eine Rechnung offen. Natürlich nicht mit der Stadt generell. Aber mit der Marathonstrecke. Im April dieses Jahres war der 49-Jährige zum ersten Mal in Hannover am Start, doch den Zielstrich am Neuen Rathaus sah er dabei nicht von der Strecke aus. Nach der Hälfte seiner 21-Kilometer-Strecke musste Wenger aufgeben. „Ich hatte einen Migräneanfall, es ging einfach nichts mehr“, erklärt er. Doch im nächsten Jahr, wenn der Marathon seinen 30. Geburtstag feiert, macht Wenger einen neuen Anlauf. Und das sogar als einer von 30 offiziellen Marathon-Botschaftern.
Mit der Stadt verbindet der Busfahrer, der vor zwölf Jahren mit seiner Familie nach Dänemark ausgewandert ist, inzwischen nämlich weit mehr als nur die Erinnerung an seinen Abbruch im Frühjahr. Vor einigen Wochen war er gemeinsam mit anderen Botschaftern erneut in der Stadt, lernte sie an einem kompletten Wochenende bei einer gastronomischen Tour und anderen Aktionen aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennen – und gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er von Hannover spricht. „Ich war zum Glück schon sehr früh in der Stadt und habe unglaublich viele tolle Seiten gesehen“, sagt er. Ganz besonders hat ihn das Maschseefest begeistert. „So etwas haben wir im Norden nicht“, sagt er – und die Aktion mit dem Essen an unterschiedlichen Stationen in der Stadt war einfach genial.
Genial findet Wenger aber auch das, was aus dem Treffen der Botschafter entstanden ist. „Dieses Wochenende hat unglaublich viel bewegt“, meint er. „Es ist eine große Community entstanden, viele Botschafter treffen sich inzwischen sogar regelmäßig.“ Für ihn ist es angesichts der großen Entfernung von etwa 530 Kilometern aus Orsted im Osten von Dänemark nach Hannover natürlich nicht ganz einfach, persönlichen Kontakt zu halten. „Aber wir sind über die sozialen Medien alle miteinander vernetzt“, sagt Wenger – und im kommenden März trifft er bei einer besonderen Werbeaktion auf jeden Fall einige der Botschafter wieder: „Wir starten mit acht Botschaftern beim Marathon in Lissabon, der ebenfalls den 30. Geburtstag feiert, um dort Werbung für Hannover zu machen.“
Für den Vater von zwei Kindern ist das Laufen übrigens weit mehr als ein Hobby. Es hat ihn auch aus einer persönlich sehr schwierigen Zeit geführt. Nach einem schweren Bandscheibenvorfall war er von der Hüfte an nahezu gelähmt. Nachdem Medikamente nicht halfen, ermutigte ihn seine Physiotherapeutin sich viel zu bewegen. „Wir sind Schritt für Schritt vorgegangen, nach einem Monat konnte ich gerade einmal Hundert Meter gehen“, erzählt Wenger. „Da zweifelt man schon an sich und ist unglaublich frustriert.“ Doch nach und nach wurde es besser – und 2017 startete der gebürtige Berliner tatsächlich bei seinem ersten Halbmarathon.
Inzwischen sind sechs weitere Läufe dazugekommen. Nummer 8 folgt Anfang Oktober in Skagen, im kommenden Jahr startet Wenger dann noch Mitte Februar in Barcelona und in Lissabon. Sein persönlicher Höhepunkt soll aber Hannover am 26. April 2020 werden. Und dann will er auch endgültig seinen Frieden mit der Strecke machen. Am Neuen Rathaus.