Stadtteil-Spezial: Verliebt in Linden

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Alle wollen nach Linden – daran hat sich in den letzten 30 Jahren eigentlich nicht viel geändert. Woran liegt’s und warum ist der Boom in den drei Stadtteilen in letzter Zeit noch ein bisschen ausgeprägter? Ein Blick auf das Leben zwischen Limmerstraße, Deisterkiez und Ihmeufer.

Von Kersten Flenter
Linden ist der Chuck Norris unter den hannoverschen Stadtteilen. Hier auf der richtigen Seite von Leine und Ihme ist alles besser, alles bunter, alles aufregender, alles anders. In Linden bekommt man an lauen Frühlingsabenden den Eindruck, als sei das Leben schön. Die Stadtteilverrückten verkleiden ihre psychischen Defekte auf der Limmerstraße als Improvisationstheater. Putzige Paare in den Dreißigern, die munter Kinder zeugen, als sei die Menschheit doch noch irgendwie zu retten, bevölkern den Pfarrlandplatz, wo die Kinderdichte größer ist als am Prenzlauer Berg. Die zwanzigjährigen Männer sind bärtiger als anderswo und die jungen Mütter noch multitaskiger. Das Lastenrad, der SUV der Hipster, ist in Linden ein Muss. Einst wohnten Menschen in Linden, weil es billig war. Heute, weil sie es sich leisten können. So Menschen, denen es nicht zu blöd ist, 2.800 Euro Miete dafür zu bezahlen, ganz nah am Schützenfestlärm zu wohnen. Du bekommst aber auch durchaus noch günstigen Wohnraum, sofern du noch die alten Beziehungen hast, wenn du aus St. Pauli oder Friedrichshain zurückkehrst, weil die hedonistische Coolness hier eben doch ein wenig sympathischer ist als in den großen Städten. Wenn in Linden jemand einen Turm bis in den Himmel baut, wird der Lindener es zur Kenntnis nehmen, „Jaja, cool!“ sagen und sich wieder zu seinem Bier und seinem Kneipengespräch umdrehen. In Linden leben Menschen mit Tagesfreizeit, oder solche, die sie sich nehmen. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren das Arbeitslose und Studenten, heute sind es digitale Nomaden, Künstler und Ladenbetreiberinnen. Natürlich nerven sie, die Vierstunden-Kaffeetrinker samstags auf dem Lindener Markt, die feiernden Endteens vor dem Centrum, deren Dialoge zu Hochgeistigem eskalieren wie „Is ja schon’n geiler Stadtteil, aber wohnen möchte ich hier nicht … viel zu laut am Wochenende.“ (Wer zuerst „limmern“ sagt, kriegt auf die Fresse.)
Ich darf meckern. Zwar lebe ich auch erst seit dreißig Jahren in Linden, habe aber das Privileg mit einer eingeborenen Lindenerin verheiratet zu sein, deren Vater 1916, als Linden noch Stadt war, in der Jacobsstraße geboren wurde, in der Wohnung, in der noch immer Teile der Familie wohnen. Das alte Linden existiert noch, gleich um die Ecke, in den eher dunklen Straßen abseits der Schautmichan-Plätze, an den Kiosken. Wer sich ein wenig näher interessiert, findet noch immer den guten alten Geist des Arbeiterstadtteilbewusstseins. Lindener Geschichte ist Dank umtriebiger und fundierter Aktivitäten von Historikern auf verschiedenste Weise greifbar, sei es auf der Butjer-Route, auf dem Lindener Berg, wo der „Quartier e.V.“ ansässig ist, oder im Internet auf äußerst informativen Seiten wie „lebensraum-linden.de“.
Die Geschichte Lindens ist wichtig, weil sie viel vom angedichteten Glamour der Jetztzeit entzaubert. Der Hype um die Vielfältigkeit dieses dreigeteilten Kiezes unterschlägt bisweilen seine schäbigen Seiten. Es gibt die hässlichen, gewalttätigen, gar widerwärtigen Bewohner und Besucher. Aber wie sollte es die nicht geben, wenn so viele Menschen auf engstem Raum aufeinander hocken? Im Großen und Ganzen ist es in Linden noch erträglicher als anderswo. Wahrscheinlich ist dies der Punkt: Im Vergleich mit den meisten Ecken Hannovers schneidet Linden eben, besonders kulturell, einfach besser ab. Und überhaupt: Was soll man denn vorbringen gegen einen Stadtteil, in dem es an Kiosken Fassbier gibt?

Kersten Flenter ist freier Schriftsteller, Journalist und Bühnendichter.
Infos unter www.flenter.de