Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

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„Denk dran“, sagt die Mutter des Ich-Erzählers jeden Morgen, wenn sie ihn zur Schule schickt, „fall nicht auf. Du bist schon vietnamesisch.“ In seinem Debütroman erzählt Ocean Vuong, der für seine Gedichte ausgezeichnet wurde, die Geschichte (s)einer Familie und (s)einer Jugend. In New York schreibt er all seine traurigen Erinnerungen, poetischen Gedanken und hoffnungsvollen Träume an seine Mutter in Connecticut – aber die wird seine Worte nicht lesen können, weil sie sich auf Englisch nur so weit verständigen kann, wie es für ihre Arbeit als Fußpflegerin nötig ist. Ihr Junge fällt auf: als Kind einer Flüchtlingsfamilie, als jugendlicher Schwuler und schließlich als Künstler, der sich über alle Grenzen hinwegsetzt. „Manchmal stelle ich mir vor, dass die Monarchfalter nicht vor dem Winter fliehen, sondern vor den Napalmwolken deiner Kindheit in Vietnam. Ich stelle mir vor, wie sie unversehrt aus den sengenden Druckwolken emporschweben, ihre winzigen schwarzroten Flügel wie Aschewolken, die weiter durch den Himmel gewirbelt werden, für Tausende Kilometer, sodass man beim Aufschauen nicht länger die Explosionen erahnen kann, aus denen sie kommen, nur eine Familie von Schmetterlingen, die in sauberer, kühler Luft dahinschwebt, ihre Flügel endlich, nach so vielen Brandstürmen, feuerfest.“     KR

Hanser, 269 Seiten