Lydia Davis: Samuel Johnson ist ungehalten

Lydia Davis versammelt in ihrem vierten Erzählungsband auf deutsch (alle bei Droschl) einmal mehr feuilletonistische Alltagsskizzen, Albträume, apokalyptische Szenarios, poetische Meditationen, Aphorismen, Witze, Mini-Essays, Sprachspielereien, alles, nur keine konventionellen „Stories“. Die Titelgeschichte ist gerade mal eine Zeile lang: „Samuel Johnson ist ungehalten: dass Schottland so wenige Bäume hat.“ Wenn hier tatsächlich mal so etwas wie ein Plot erkennbar wird, dann ist es oft nicht mehr als ein Treatment einer erst noch zu erzählenden Geschichte. Hier sind weniger Menschen in Bewegung als Gedanken, hier handeln nicht die Protagonisten, sondern die Worte selbst. Und manchmal sind es auch nicht ihre eigenen, sie jongliert gern mit Lektürefrüchten. Das geht nicht immer ohne Manieriertheiten ab, ein paar dieser Erzähletüden drehen leer. Aber wenn Davis ihrer Sprache einen imaginativen Gegenwert gibt, wenn sie mit ein paar Strichen eine eigene Welt aufreißt, die kann realistisch oder auch surreal sein, dann zeigt sich das enorme Suggestionspotenzial ihrer klaren, konzisen, bisweilen wissenschaftlich kühlen Prosa. Davis kann einiges, und vor allem hat sie Stil.    fs
Droschl, 216 Seiten, 22,-