Hanns Zischler: Kafka geht ins Kino

Weder Kafka-Enthusiast noch Kafka-Kenner, begeistert mich dieser reichhaltige Bildband. Das liegt vor allem an Hanns Zischlers Arbeitsweise, er ist der charmanteste Sammler, Rechercheur und Interpret, den ich kenne. Das 1996 veröffentlichte Ursprungsbuch dieser Neuerscheinung hatte mir schon gut gefallen. Seltsamerweise hatte die Forschung bislang diesen Blickwinkel übersehen: Kafkas Leidenschaft für das seinerzeit neue Medium. Zischlers Ausgangspunkt, anhand von Kafkas Aufzeichnungen die entsprechenden Filme und Kinos herauszufinden, Fotos, Programmzettel, Tagespresse und Plakate zu entdecken, entfaltet eine große Anziehungskraft. Das Ergebnis beleuchtet nicht nur indirekt manches an Kafkas Stil, während dank Zischlers Darstellung Aspekte des damaligen Alltags aufscheinen. Die großformatige Neuausgabe, vorzüglich gestaltet, ergänzt aufwändig neue Trouvaillen. Zumal die nun beigelegte rund 150 Minuten lange DVD mit Filmen, die Kafka gesehen hat, ist eine Wucht. Okay, es kostet knappe 40 Euro, aber wer sich für die (Kintopp-) Epoche und/oder Kafka interessiert, wird immer wieder Freude haben.    dzn
Galiani-Berlin, 216 Seiten, 39,90