Jens Balzer: Das entfesselte Jahrzehnt

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Eine Zeitdiagnose der 1970er Jahre erstellt der Berliner Kulturjournalist und Pophistoriker Balzer hier auf nicht weniger als 430 Seiten. Dieses Jahrzehnt war wohl eines der einschneidendsten, vergleichbar etwa mit den goldenen Zwanzigern und den wilden Sechzigern, hier wandelte sich die Gesellschaft am nachhaltigsten, man denke nur an RAF, Anti-AKW-Bewegung und Punk. In seinem Buch versammelt der Autor all die Widersprüchlichkeiten dieses legendären Jahrzehnts, analysiert vom letzten Hippiefestival Woodstock und der Apollo-11-Mission bis zu Kraftwerks `81er-Song „Computerwelt“ was zwischen Freiheitsversprechen und Fortschrittsgläubigkeit die Menschen in der Bundesrepublik, den USA und England bewegte. Dabei fällt auf, dass viele der heutigen Themen, wie Feminismus oder Umweltschutz, bereits damals diskutiert wurden. Aber Balzer’s Betrachtung ist dann doch weniger eine vordergründig politische Spurensuche, als vielmehr eine kulturgeschichtliche Darstellung von Massenphänomenen und medialen Ereignissen, von Pop und Trivialgenres. Interessant und wahrscheinlich für viele neu, ist so ein Detail, wie, dass die frühe Generation des damaligen deutschen Terrorismus überzeugte Fans war von Charles Manson, dem Initiator des Sharon-Tate-Massakers. Solche von Hass und Populismus getriebenen Auswüchse setzten sich dann auch in der Musikszene fort, David Bowie verkündete via dem Playboy Magazin über Großbritannien: „Dieses Land schreit nach einem Führer“, Black Sabbath beschworen den Satanismus und die Sex Pistols führten auf ihren T-Shirts das Hakenkreuz spazieren. All diese kulturellen Ereignisse beschreibt und durchleuchtet Balzer auf unterhaltsame wie kluge Art.     MAI

Rowohlt, 430 Seiten