Daniel Schmidt: Elbschlosskeller

Lesungen0819-Rezi-Elbschlosskeller Daniel Schmidt

Nicht erst seit Heinz Strunks „Goldener Handschuh“ ist Kiez-Literatur angesagter Lesestoff. Schließlich lockt der Mythos
St. Pauli mit seinem halbseidenen Charme, verspricht voyeuristische Einblicke in ein Umfeld abseits des üblichen Lebens und damit kribbelnde Unterhaltung. Die befriedigt Daniel Schmidt, der Wirt des Elbschlosskellers am Hamburger Berg, der „härtesten Kneipe Deutschlands“, mit seiner wahren Geschichte, die er mit „kein Roman“ untertitelt hat. Auf dem Cover zeigt sich der durchtrainierte und tätowierte 35-jährige mit einem Blick, der sowohl Zweifel wie Herausforderung erkennen lässt. Eine Ambivalenz, die beim Lesen seines Buches auch immer wieder den Rezipient ergreift. Denn die Geschichten über die Stammgäste seiner Kneipe, fast ausnahmslos verlorene Seelen aus ganz unterschiedlichen Milieus, darunter Obdachlose, Prostituierte, Anwälte und sogar Millionäre, sind in ihrer brutalen Offenheit verstörend, ehrlich und immer auch reflektierend. Der Autor erzählt von Suff und Elend, aber auch, dass ihm das Soziale wichtig ist, er sich um diese Menschen kümmert, ihnen auch mal das Hinterzimmer zum Schlafen zur Verfügung stellt. Anrührend offenherzige Fotos von einigen der langjährigen Gäste dieses Mikrokosmos runden Schmidt’s gelungenes Dokument ab, das zudem auch deutlich macht, dass es egal ist, wie jemand aussieht oder was er tut, sondern nur darauf ankommt, dass er sich seine Menschlichkeit bewahrt.     MAI

Edel Books, 256 S.