Cumberland: Utopie und Pop

Skizze: Andreas Alexander StrasserSkizze: Andreas Alexander Strasser

Ein junges Team entmottet die Cumberlandsche Galerie und -Bühne, um neue Möglichkeitsräume für utopische und spielerische Theaterformen zu öffnen.

Im ersten Stock des verwunschenen Treppenhauses, über der Bar in der Cumberlandschen Galerie, stehen Anfang August schon die ersten neuen Installationen: ein luftiges, begehbares Pavillongestell aus schlanken Leisten mit roten Kanten, dessen Umriss die Quadrate und Rundbögen aus dem Muster der historischen Bodenfliesen ins Dreidimensionale übersetzt. Weitere Raumfantasien des Bühnenbildners Andreas Alexander Straßer kommen dazu, alle sind auf Rollen beweglich.
Sie bilden nicht nur die Kulissen für die erste Premiere der Saison, die zehnteilige Theaterserie „Eine Stadt will nach oben“, sondern stehen als Dauerinstallation für alle Produktionen zur Verfügung – und sie symbolisieren einen neuen Aufbruch in der alten Cumberlandschen Galerie und der Cumberlandschen Bühne, die jetzt zusammen als „Cumberland“ firmieren: „Wir wollen Möglichkeitsorte schaffen, die sich stärker öffnen – für neue Theaterformate und neues Publikum“, erklärt Alexander Eisenach, der mit der Dramaturgin Sarah Lorenz das Konzept für Cumberland entwickelt hat. Als neuer Hausregisseur inszeniert er nach dem Vorbild populärer Fernsehserien auch Teile der Serie, die sich mitsamt dem Publikum durch Treppenhaus und Bühnenraum bewegen soll. Dort wird gerade die feste Tribüne durch flexible Elemente ersetzt, mit denen die schwarze Halle nun längs oder quer, als Arena oder in einzelnen Inseln bestuhlt werden kann. „Mit der räumlichen Beweglichkeit wollen wir auch die geistige Aktivität fördern und neue Wege gehen“, sagt Sarah Lorenz.
Vom Intendanten Lars-Ole Walburg haben die beiden den Auftrag bekommen, Cumberland für ein junges, studentisches Publikum attraktiv zu machen. Die 28-jährige Kulturwissenschaftlerin und der 33-jährige Theaterwissenschaftler kennen diese Zielgruppe. „Wir schöpfen hier nicht immer aus 400 Jahre alten Kulturschätzen, sondern öfter aus der aktuellen Popkultur. Und wir machen auch mal Quatsch“, kündigt Alexander Lorenz an. „Aber vielleicht ist die Popkultur von heute die Hochkultur von morgen?“, ergänzt Sarah Lorenz. „Bei Shakespeare war das schließlich auch so: Seine Zeitgenossen saßen mit ihrem Bier im Globe-Theater, kommentierten die Stücke lauthals und stritten sich darüber.“ Und Alexander Eisenach meint: „Was früher der Tausend-Seiten-Gesellschaftsroman war, ist heute vielleicht die Fernsehserie.“
Cumberland soll ein utopischer Raum sein, in dem positive Zukunftsentwürfe sichtbar, sinnlich spürbar und medial vermittelt werden. Dafür kommen neue Partner mit ins Boot: Mit dem Vollblutkoch Christoph Elbert vom 11A und der Boca Gastrobar entsteht die monatliche „gastrosophische“ Reihe „Feed Your Head“. Die Autorin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke lädt in der Gesprächsreihe „ABC der Demokratie“ internationale Denker, Macher und Künstler ein. Mit dem H1-Fernsehen wird die „Zur Nacht Show“ produziert, ein monatlicher Late Night Talk mit dem Schauspieler Jonas Steglich. Ab 2018 stellen Literatur-Studierende der Uni Hildesheim im „Writer’s Studio“ neue szenische Texte vor. Und mit dem Coworking Space Hafven entwickeln Eisenach und Lorenz einen Austausch über traditionelle und avantgardistische Spielräume und Arbeitskulturen – das Ziel ist noch offen.
Bewährte Reihen laufen weiter: Dieter Hufschmidt liest den ganzen „Doktor Faustus“, Jürgen Kuttner erklärt mit Videoschnipseln die Welt, die Lese-Show „Teilzeit-Flaneure“ und die Montagsbar gehen in die nächste Runde, genauso wie die Partys „Dance the Tandem“ und „Calamari Moon“.
Auch die laufenden Repertoirestücke bleiben in der Cumberland-Bühne und im Treppenhaus. „Wir schaffen eine Grundlage, auf der spontane Experimente möglich sind. Der Raum ist das verbindende Element“, sagt Alexander Eisenach. „Mal schauen, wohin es uns treibt.“    Karen Roske
www.cmbrlnd.de