Zwei Herren im Anzug: Kreativer Berserker

"MITTELREICH" - Szenenfoto"MITTELREICH" - Szenenfoto

Edgar Reitz trifft Herbert Achternbusch trifft Gerhard Polt: Mit 69 Jahren präsentiert Schauspiel-Urgestein Josef Bierbichler die Verfilmung seines Roman-Debüts „Mittelreich“ als eigenwilligen Heimat-Film der rigorosen Art. Am Beispiel einer Bauern-Familie in der bayrischen Provinz zeigt er ein Zeitgeist-Mosaik des vorigen Jahrhunderts. Vom Ersten Weltkrieg über die Nazi-Zeit bis zum Wirtschaftswunder und die 70er Jahre. Anno 1984 endet die Chronik mit der Beerdigung der Mutter. Der Witwer Pankraz (Bierbichler) und sein entfremdeter Sohn Semi (gespielt vom realem Sohn, Simon Donatz) versuchen sich nach dem Leichenschmaus im Gasthaus mit einem Gespräch nach jahrelangem Schweigen. „Ich muss mich erinnern!“, sagt der Alte und kramt in einer Kiste mit alten Schwarz-Weiß-Fotos. Mit Rückblenden erzählt er fortan als Ich-Erzähler, was sich seinerzeit zugetragen hat. „Serbien muss sterbien“ grölt ein Trupp in Lederhosen, „bis Kirchweih sind wir zurück“ gibt man sich siegessicher. Der Krieg jedoch fordert Opfer. Der ältere Bruder Toni kehrt mit Kopfschuss als psychisches Wrack und fanatischer Juden-Hasser zurück. Pankraz muss seinen Traum als Opernsänger aufgeben, um den heimischen Hof zu übernehmen. „Ich war zwar nie ein Nazi. Aber kein Nazi war ich nie“, erklärt er dem Sohn sein Mitläufertum. Die Zeit als Soldat hat er völlig verdrängt: „Ich weiß nichts mehr. Nur weiße Landschaften, sonst nichts.“ Nicht nur den Vater plagen düstere Traumata, Sohn Semi hat im Klosterinternat gleichfalls die Hölle durchlebt. Mit einer gängigen Familien-Saga will sich ein kreativer Berserker wie Bierbichler natürlich nicht begnügen. Er setzt vergnüglich auf ein Füllhorn surrealer Visionen, Verfremdungen sowie allerlei Provokationen. Da wird die gute alte Blasmusik durch die subkulturellen Töne der „Kofelschroa“-Jungs frisch aufgemischt. Beim bäuerlichen Faschingsball in der Nachkriegszeit sorgt eine lüsterne Lady mit Hitlermaske für Aufregung, derweil der Hausherr mit Wagner-Arien und Hölderlin-Zitaten am stürmischen Seeufer sein Lebensleid klagt. Fehlt nur noch, dass der Sohn sich die Kleider vom Leib reißt, um sich mit ödipaler Absicht ins Bett der sterbenden Mutter zu legen. Visuell geht es weitaus feinsinniger zu. Tom Fährmann, preisgekrönter Stammkameramann von Sönke Wortmann, präsentiert wunderbare Tableaus in Schwarz-Weiß oder schleicht sich elegant durch leicht geöffnete Türen an die Figuren heran. Unter eigener Regie hat der leinwandpräsente Bierbichler sichtlich Spaß, mit laut polternder Schale und tief verletztem Kern, dem Affen gehörig Zucker zu geben. Die langjährige Fassbinder-Muse Irm Hermann läuft gleichfalls zu Hochform auf und erinnert an Loriots legendäre Zugfahrt-Szene aus „Pappa ante Portas“. Radikales Kino ist Mangelware auf heimischen Leinwänden. Dass dieser schräge Heimatfilm von der Berlinale abgelehnt wurde, kann allemal als ganz besonderes Kompliment gelten.     Dieter Osswald
D 2018.
Regie: Josef Bierbichler; mit Josef Bierbichler, Simon Donatz, Irm Hermann u.a.
Bundesstart: 22.3.