Shoplifters: Kleine Idylle

Film-Shoplifters3

Bei seinem siebten Streich in Cannes hat es für Hirokazu Kore-eda geklappt: Die Goldene Palme für sein großartig sensibles Drama „Shoplifters“. Wie so oft geht es dem japanischen Meisterregisseur um Familie und gesellschaftliche Außenseiter. Ein Ladendieb und eine Arbeiterin finden nachts auf der Straße ein vernachlässigtes Mädchen und nehmen es spontan bei sich auf. Kleine Leute mit großem Herzen demonstrieren wie Würde geht und Solidarität – just in jenem Japan, wo gnadenloser Konkurrenzkampf und rigoroser Leistungsdruck das Leben beherrschen. Ein berührendes Lehrstück in Humanismus und Nächstenliebe – ganz ohne Zeigefinger oder moralinsaure Predigt. Vater und Sohn baldowern beim gemeinsamen Laden-Diebstahl im Supermarkt geschickt aus, wie die Einkaufsliste lässig für lau abgehakt werden kann. Der kleine Clan lebt dicht gedrängt im Häuschen der Oma. Sechs Menschen aus drei Generationen, die nicht unbedingt miteinander verwandt sind, aber bedingungslos zusammenhalten. Als Papa und seine Partnerin nachts auf dem Heimweg auf das kleine Mädchen Yuri treffen, retten sie spontan die Kleine vor der Kälte und nehmen sie mit nach Hause. Die kleine Idylle wird bald durch dramatische Ereignisse erheblich ins Wanken gebracht. Die Medien melden eine Kindsentführung. Die Polizei taucht auf und mit ihr eine Kette vieler Probleme. Wie üblich erweist sich der langjährige Dokumentarfilmer Hirokazu Kore-eda als genauer Beobachter, der seine Figuren mit psychologischer Präzision entwickelt und behutsam ihre Geschichten erzählt. Eine Story wie diese könnte leicht zum Sozialkitsch mutieren. Diese Gefahr besteht hier zu keiner Minute. Bereits bei den ersten Bildern bekommt man das sichere Gefühl: Hier stimmt einfach alles. Der Eindruck trügt nicht, sondern er trägt bis zum Abspann. Die gekonnte Empathie-Offensive lässt den Zuschauer schnell zum mitfühlenden Komplizen dieser Außenseiter werden. Die Würde jedoch lässt man sich aller prekären Bedingungen zum Trotz nicht nehmen. Ebenso wenig wie die Zärtlichkeit im Umgang miteinander.     Dieter Osswald
Japan 2018.
Regie: Hirokazu Kore-eda; mit Lily Franky, Sakura Ando, Mayu Matsuoka u.a.;
Bundesstart: 27.12.