Kroos: Kicker-Portrait

„Mir fehlt das jetzt nicht, dieses Foto in meiner Sammlung“, sagt Fußball-Star Toni Kroos. Gemeint ist jenes berühmte Bild in der Umkleidekabine nach dem Gewinn der WM in Rio. Alle Spieler drängen sich jubelnd um die Kanzlerin. Nur Kroos sitzt im Abseits allein auf der Bank und kümmert sich um seine Schuhe. Auf den ersten Blick entdeckt man ihn fast gar nicht – dieses grandios groteske Zeitdokument steht programmatisch für jenen Spieler, der mit einem Marktwert von 80 Millionen Euro zu den teuersten Sportlern der Welt gehört. Dass sich der zurückhaltende Kicker zum Objekt der dokumentarischen Begierde machen lässt, der die Kamera hautnah an sich heran lässt, ist Dirk Nowitzki zu verdanken. Mit ihrer sensiblen Doku über den Basketballstar vor vier Jahren konnten deren Macher nun auch den Kicker ködern. Das Biopic erzählt die Geschichte vom jungen Talent aus Greifswald, über seine unglücklichen Zeiten beim FC Bayern bis zum Triumph als Weltmeister. Was zum glatten Imagefilm geraten könnte, entpuppt sich schnell als feinsinniges Portrait eines nachdenklichen Menschen, der wie ein Alien im Club der millionenschweren Fußball-Götter wirkt. Aus dem emotionalen Nähkästchen plaudert der Bruder des Stars. „Gefühle zu zeigen, haben wir im Elternhaus nicht gelernt“, sagt Felix Kroos. Der Vater räumt offen Versäumnisse ein, die Überdosis Fußball sei für seine Kinder nicht immer gut gewesen. Von Phrasendreschereien oder Gold-Steak-Protzigkeiten seiner Millionärs-Mitspieler ist Kroos meilenweit entfernt. Mit 20 Millionen Instagram-Followern kann man auf Getue getrost verzichten. Wie der zurückhaltende Kicker tickt, präsentiert diese Nahaufnahme auf spannende Weise: stets mittendrin, statt nur dabei. Ob in der Limousine mit Polizeieskorte zum Privatjet. Oder am alten Sportverein in Greifswald. Nur bei der Vertragsunterzeichnung mit Real Madrid wird der Ton abgedreht.     Dieter Oßwald

D 2019;
Regie: Manfred Oldenburg; Darsteller; Toni Kroos, Uli Hoeneß, Robbie Williams,
5 von 5 Punkten