Juliet, Naked: Grandioses Versagen

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Seit fünfzehn Jahren lebt Annie (Rose Byrne) mit dem Unidozenten Duncan in dem beschaulichen englischen Küstenstädtchen Sandcliff zusammen, wo sie – genau wie ihr Vater – das örtliche Heimatmuseum leitet. Aber eigentlich gehört Duncans Herz einem anderen: dem Rockmusiker Tucker Crowe, der vor 25 Jahren von der Bühne weg verschwand und seitdem von seinen Fans als Mysterium verehrt wird. Im Souterrain hat Duncan seinem Idol einen eigenen Raum gewidmet, dessen Alben er wie Reliquien behandelt. Als ein Unplugged-Mitschnitt von Crowes letzter Platte im heimischen Briefkasten landet, hört sich Annie die Aufnahme heimlich an und schreibt auf Duncan’s Fan-Website einen gehässigen Verriss. Wenig später bekommt sie eine E-Mail von keinem Geringeren als Tucker Crowe (Ethan Hawke), der ihre Ansichten über das Fundstück teilt. Der gefeierte Rockstar lebt mittlerweile in der Garage seiner letzten Ex-Frau und schaut mit selbstkritischer Melancholie auf die Trümmer, die der eigene Lebenswandel in seinem privaten Dasein hinterlassen hat: Fünf Kinder von vier verschiedenen Frauen, die nichts mehr von ihm wissen wollen. Nun versucht er wenigstens bei seinem jüngsten Sohn die väterlichen Versäumnisse aufzuholen. Die beiden kommen nach London und ehe Annie es sich versieht, steht das Idol ihres Lebensgefährten bei ihr in der Küche. Mit augenzwinkerndem Humor schaut Jesse Peretz’ „Juliet, Naked“ (nach dem Roman von Nick Hornby) auf das Missverhältnis zwischen fanatischer Verehrung und der Lebensrealität des Verehrten. Dabei erweist sich der weibliche Blick, der dem abgetakelten Idol auf Augenhöhe begegnet, als kluger Schachzug. Männliche Unzulänglichkeiten werden hier mit trockener Ironie verhandelt und Rose Byrne kann nur mit süffisant gekräuselter Stirn das Selbstdarstellungsgehabe ihres Gegenübers zum Einsturz bringen. Der eigentliche Schatz des Filmes ist jedoch Ethan Hawke, der für die Rolle des gescheiterten Rockstars wie gemacht scheint und aus dem Versagen der Figur unaufdringlich ein wenig Lebensweisheit extrahiert.     Martin Schwickert
USA 2018.
Regie: Jesse Peretz; mit Rose Byrne, Ethan Hawke, Chris O’Dowd u.a.;
Bundesstart: 15.11.