Der seidene Faden: Arbeit ist Leben

Film-SeideneFaden3

Daniel Day-Lewis ist in seinem voraussichtlich letzten Film wieder ein heißer Kandidat für den Oscar.

Ich kann den Tag nicht mit einer Konfrontation beginnen“, sagt Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) und lässt den Satz wie ein Todesurteil klingen. Der Modeschöpfer sitzt am Frühstückstisch mit seinem Skizzenblock. Am Morgen habe er nun einmal seine kreative Phase, erklärt die Schwester und Geschäftspartnerin Cyril (Lesley Manville). Die Koffer der nörgelnden Geliebten werden gepackt, ein Taxi bestellt und die Tür leise hinter ihr geschlossen. Aber Woodcock kann auch anders: Wenn er wenige Filmminuten später in einem Landgasthof bei Alma (Vicky Kieps) eine überausführliche Frühstücksbestellung aufgibt, dann choreographiert er die Aufzählung der Zutaten als charmantes Verführungsszenario. Die Einladung zum Dinner endet nicht im Schlafzimmer, sondern im Atelier, wo der Couturier die Maße seiner neuen Eroberung aufnimmt. Damit ist Alma offiziell des Meisters neue Muse, die mit all ihrer rotwangigen Frische nicht ahnt, auf was sie sich da eingelassen hat. Aber Alma lernt schnell, findet sich nicht mit der Passivität ihrer Rollenzuweisung ab, mischt sich ein ins Modeunternehmen und buttert am Frühstückstisch ihren Toast in ohrenbetäubender Weise. Das Verhältnis zwischen Genie und Muse ist ein ebenso beliebtes wie klischeebeladenes Filmsujet. Aber P.T. Andersons „Der seidene Faden“ bringt frischen Wind ins Genre, indem er nicht nur feine Ironie, sondern vor allem psychologischen Detailwillen injiziert. Es ist nicht der übliche künstlerische Genie-Machismo, mit denen Daniel Day-Lewis den hochbegabten britischen Modeschöpfer charakterisiert. Sehr viel feiner zeichnet er das Porträt eines Mannes, der nur für und durch seine Arbeit lebt, auch aus der eigenen Fragilität Kreativität schöpft und seine klaren Lebensprioritäten wie einen Schutzwall um sich aufgebaut hat. Alma wiederum, die die fabelhafte Vicky Kieps mit einer gelungenen Abmischung zwischen Naivität und Unverfrorenheit spielt, unterminiert die Egozentrik des deutlich älteren Geliebten mit strategischem Geschick und gesunden Überlebensinstinkten. Daraus entsteht ein interessantes und unverkrampftes Geschlechterkampfduell, das sich einfachen Stereotypisierungen entschieden verweigert.    Martin Schwickert
USA 2017.
Regie: Paul Thomas Anderson; mit Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps u.a.;
Bundesstart: 1.2.