Berlin Excelsior: Träume in Beton

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Hereinspaziert zum Menschen-Zoo! Als Gehege dient das Excelsior-Haus in Berlin-Kreuzberg, ein Mega-Wohnkomplex mit 514 Apartments samt Panorama-Restaurant auf dem Dach. Das einst größte Wohn- und Geschäftshaus der Stadt hat die besten Zeiten längst hinter sich. 1968 wurde der Stahlbetonbau in Sichtweite des Anhalter Bahnhofs aus dem Boden gestampft. Die großen Pläne mit Helikopter-Landeplatz und Schwimmbad verpufften schnell. Nun leben ganz normale Menschen in dem Hochhaus. Wie sie das tun, welche Träume und Ängste sie haben, das wird zum Objekt der dokumentarischen Begierde zweier junger Filmemacher. Mit empathischem Blick und unaufdringlicher Leichtigkeit begleiten sie ein paar Dutzend Mieter. Darunter schrullige Figuren, zickige Zeitgenossen sowie auch angenehme Mitmenschen. Erik Lemke (Regie und Buch) und André Krummel (Koautor und Bildgestaltung) begeben sich mit der Kamera auf die Spurensuche im anonymen Berliner Stahlbetonbau Excelsior. Auf Off-Kommentare wird völlig verzichtet und ganz auf teilnehmende Beobachtung gesetzt. Von den rund drei Dutzend Mietern werden einige intensiver porträtiert, andere nur impressionistisch kurz vorgestellt. Da trainieren zwei junge Sportler etwa recht angestrengt miteinander, während eine Wohnung weiter ein alter Mann auf dem Heimtrainer gemächlich in die Pedale tritt oder hinter der nächsten Tür ein Herr im Unterhemd liebevoll mit Buntstiften seine Kunstwerke malt. Mehr Zeit bekommt jener ältere Stricher aus dem 14. Stock, der sich auf Internet-Portalen 20 Jährchen jünger macht, um Kunden zu ködern. Träume hegen so manche Mieter in der eher trostlosen Wohnanlage und finden dort durchaus solidarische Unterstützer. Zwischen diesen kleinen Geschichten wird mit alten Wochenschau-Aufnahmen die Historie des Excelsior eingestreut. Dessen wechselvolle Geschichte mit glamourösen Plänen und grandiosen Pleiten korrespondiert gleichermaßen mit jenen Schicksalen seiner Bewohner. Im wohltuenden Unterschied zum selbstgefälligen Sarkasmus à la „Spiegel TV“ und Co. führt das Dokumentaristen-Duo Lemke und Krummel seine Protagonisten nie verächtlich vor, sondern lässt ihnen stets ihre Würde. Selbst die schräge Esoterik-Beratung von zwei selbsternannten Hobby-Heilern verkommt da nicht zur billigen Lachnummer. Programmatisch für die ganze Haltung dieser liebevollen Bestandsaufnahme des Alltags ist jene alte Dame, die amüsiert erzählt, wie ein Liebhaber einst auf ihre Falten mit dem Kompliment reagiert: „Eine Rose bleibt immer eine Rose!“     Dieter Osswald
D 2018.
Regie: Erik Lemke; mit Claudia Mittag, Norman Specht, Michael von Gemert u.a.;
Bundesstart: 29.11.