Aufbruch zum Mond: Ein kleiner Schritt

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Rund fünfzig Jahre nach der ersten Mondlandung verfilmt Damien Chazelle die Geschichte der Mission mit Ryan Gosling in der Hauptrolle.

Alle Alarmlichter im Cockpit leuchten. Der Höhenmeterzähler rattert unkontrolliert nach oben. Die Pilotenkabine wird durchgeschüttelt. Flammen vor dem Fenster. Doch dann plötzlich mit einem Mal: Ruhe. Das Raumgefährt hat die Atmosphäre durchdrungen und gleitet dahin. Der Blick von oben auf die Erde ist berauschend – bis die Nase sich wieder nach unten neigt und das Flugzeug erneut in den Strudel der Erdatmosphäre gerät. Die erste Szene von Damien Chazelles „Aufbruch zum Mond“ ist sicherlich für Flugangstkandidaten nicht geeignet. Aus der unfreiwilligen Kopilotenperspektive wird das Publikum zum Zeugen eines Testfluges, den Neil Armstrong 1961 mit dem raketengetriebenen Flugzeug X-15 unternommen hat. Hautnah wird im Kinosessel die Gefahr spürbar, die sich der Pilot und spätere Astronaut ausgesetzt hat, unterbrochen von einem Moment der Ruhe und Poesie, in dem aus dem Weltall auf das irdische Dasein geschaut wird. Diese Eröffnungsszene ist spektakulär und gleichzeitig ein Bekenntnis zur radikalen Subjektivität, mit der Chazelle auf das Leben jenes Menschen blickt, der zuerst einen Fuß auf den Mond gesetzt hat. Ryan Gosling, der für Chazelle schon in „La La Land“ vor der Kamera stand, spielt Neil Armstrong als introvertierte Ingenieursseele. Ein scheinbar stoischer, wortkarger Kerl, der auch in Krisensituationen die Nerven behält, aber ganz und gar nicht dem Klischee eines furchtlosen Weltraumfliegers entsprechen will. Als seine Tochter im Alter von zwei Jahren an einem Hirntumor stirbt, frisst er die Trauer in sich hinein und vergräbt sich in seine Arbeit. Schließlich wird er bei der NASA angenommen und für das Mondprogramm „Gemini“ berufen, was für ihn und seine Frau Jan (Claire Foy) auch als ein neuer Start ins Leben angesehen wird. Aber bis die Apollo 11 den Mond erreicht und Armstrong am 21. Juli 1969 dort den Fuß auf den staubigen Boden setzt, ist es ein weiter Weg, der von Fehlversuchen und Verlusten gekennzeichnet ist. Gosling gelingt es auf subtile Weise die Ängste hinter der Fassade des Astronauten sichtbar zu machen. Jenseits langweiliger Heldenklischees vermittelt „Aufbruch zum Mond“ ein Gefühl für den kalkulierten Wahnsinn der Mission, deren verschwenderisches Budget damals angesichts der sozialen Misere in den amerikanischen Großstädten sehr umstritten war. Im Finale schließlich, wenn sich die Landefähre „Eagle“ ihrem Ziel nähert, fährt Chazelle allen cineastischen Hokuspokus zurück und zeigt ohne Musikuntermalung in vollkommener Konzentration und Ruhe jenen unwirklichen, poetischen Moment, den damals die ganze Welt gebannt am Fernseher verfolgt hat – und der auch heute im Kino nichts von seiner Faszination eingebüßt hat.     Martin Schwickert
USA 2018.
Regie: Damien Chazelle; mit Ryan Gosling, Claire Foy, Jason Clarke u.a.;
Bundesstart: 8.11.